Interview von Jörg Poedtke (www.tttu.de) mit der Autorin Miren Zandl zu ihrem Buch "Lukas - Erkenntnisse einer Mutter"


1. Was hat dich bewogen, das Buch "Lukas - Erkenntnisse einer Mutter" zu schreiben? Was war deine Ausgangssituation?

Meine Ausgangssituation war meine Orientierungslosigkeit nach der Geburt von Lukas im Mai 1996. ich suchte einen Weg, wie kann ich mir und meinem Kind helfen? Mir fielen bald Besonderheiten an ihm auf. Allerdings empfand ich ihn deshalb nie als behindert und tue mich bis heute schwer, den Begriff Behinderung zu akzeptieren. Aus diesem Grund suchte ich bereits sehr früh nach einem Weg, Behinderung neu zu definieren. Ich erkannte sie als einen Zustand, in dem jemand sein volles Potential noch nicht leben kann, bis diese Behinderung nicht mehr nötig ist.

Persönlich stand ich in diesem Prozess sehr schnell vor der Frage: Wer kann mir in meiner Bedürftigkeit helfen? Ich hatte viel Literatur gelesen, fand aber nichts zu Müttern, die sich über die Besonderheit ihres Kindes mit sich selbst auseinander gesetzt hatten. Es ging immer um das Kind, den problematischen Alltag mit ihm und seinen Therapien, aber nicht: was hat das auch mit der Mutter zu tun? Zu dem Zeitpunkt habe ich schon gespürt, dass die Entwicklungsstörungen von Lukas auch mit mir zu tun haben. Ich habe meine Grenzen erfahren, als Mutter, in der Ehe und im Alltag. Ich wusste, das ist alles kein Zufall. Ich spürte einen so großen Mangel in mir, einen Mangel nach Liebe, nach Bindung. So habe ich mich auf die Suche gemacht, Hilfe zu finden, um diesen Mangel zu stillen.

Als ich dann Menschen fand, die mich unterstützten, insbesondere Therapeuten, war das gleich spannend für mich denn bald tauchten Erlebnissen und Gefühle auf, die ich verdrängt hatte. Ich machte mir Notizen und schließlich wurde mein Wunsch immer stärker, dies an die Öffentlichkeit zu bringen. So zu sagen als übergreifendes und hilfreiches Beispiel für andere Mütter und Väter.




2. Wie ist es dann weiter gegangen?

Beim Eintauchen in die gesamte Thematik bei der Körper- und Kunsttherapie habe ich beobachtet, wie ich an Tabuthemen stoße - anders gesagt an Schattenthemen, die ich als Grenze oder Schwäche empfand. Dies zu artikulieren ließ mich entdecken, dass das mit eigenen traumatischen Erlebnissen verbunden war. Das brachte mir eine völlig neue Sichtweise: Es ist möglich Familiengeheimnisse zu lüften und Tabus zu durchbrechen. Dabei ist dies gar nicht so schrecklich, wie viele häufig meinen. Für mich war es viel mehr befreiend, die Versöhnung über Generationen hinweg zu erleben, auch wenn es zunächst auf Kosten der vordergründig heilen Familiensituation ging, die eben nicht wirklich heil ist.




3. Dein Buch ist durch die Tagebuchaufzeichnungen sehr persönlich gefärbt. Welche Botschaft möchtest du auf diese Art transportieren?

Ich möchte den Eltern Mut machen und Vertrauen geben, sich der eigenen Lebenssituation zu stellen, nachzuspüren "Was fühle ich?" und diesem Gefühl zu vertrauen. Manches Mal habe ich direkt das Gefühl, wir müssen um unser Familienglück ringen - nicht im Sinne eines Kampfes, in dem einer gewinnt und einer verliert, sondern im Gefühl des Miteinander. Es ist sozusagen ein dem Leben etwas abringen und der Kampf mit sich selber, nicht der Kampf im Außen. Dieses Ringen um eine bessere Lösung musste ich tatsächlich mit mir führen, damit es wirklich aufwärts ging.




4. Inwieweit geht die Botschaft "Es lohnt sich" weiter?

Auf Spielplätzen, in Mütterkreisen habe ich beobachtet, dass es vielen Müttern so wie mir geht und sie es nicht nach Außen bringen können. Oftmals fehlt die Courage, verborgene Hemmnisse aufzudecken und sich selbst etwas wert zu sein. Ich spreche hier nicht nur von Müttern und Vätern mit verhaltensauffälligen Kindern, sondern von allen Eltern, deren Kinder ihr volles Potential noch nicht leben können. Gerade Mütter in diesen Situationen geraten in eine Opferrolle, die blockiert.




5. Was möchte "Lukas" hier im Detail vermitteln?

Im Detail möchte ich mit meinem Buch "Lukas" vermitteln, dass jede Krankheit, Behinderung oder Auffälligkeit immer mit uns selbst und dem Familiensystem zu tun hat. Wir brauchen dies nicht als unabänderlich hinnehmen und können Heilung bewirken, indem wir hinschauen, aufdecken und ordnen. Heilung ist immer möglich und die Besonderheit eines Kindes ist eine Chance.




6. Welche Auswirkungen hatte dieser Prozess auf eure Familie?

Insgesamt habe ich gut drei Jahre an meinem Buch geschrieben und als ich angefangen habe zu schreibe, hat sich auch vieles zu ordnen begonnen. Mit den Therapien kam Gestautes in Fluss, das war nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Aufschreiben konnte ich alles systematisch ordnen und abgeben was nicht zu mir gehört. Zudem hatte ich früher eine Lese- und Schreibschwäche, die sich gebessert hat, ich bin hier insgesamt sicherer geworden. Die gemeinsame Arbeit am Buch mit meinem Mann Marcel hat unsere Beziehung nochmals auf eine ganz andere, viel solidere Basis gestellt, uns regelrecht zusammen geschweißt.

Für Lukas hat der mit dem Buchschreiben verbundene Prozess eine Befreiung ausgelöst, deutliche Entwicklungsfortschritte sind zu erkennen. So ist er heute im Unterricht viel konzentrierter, wir nehmen mehr am öffentlichen Leben teil, gehen in Konzerte und dort sitzt Lukas aufmerksam dabei. Seine Wahrnehmung hat sich deutlich verbessert und er ist viel selbstständiger geworden. Neue Situationen bereiten ihm kaum noch Angst. Im gesamten Familienalltag ist Ausgeglichenheit und Stabilität zu spüren, ich arbeite wieder als Erzieherin, wir verreisen gerne und schaffen uns gegenseitig Freiräume.




7. Als das Buch nach gut drei Jahren im Herbst 2005 fertig war:
Wie war die Reaktion von Menschen, die "Lukas" gelesen haben?


Die Rückmeldungen waren sehr positiv. Das war schon eine große Aufmunterung zu erleben, was meine Zeilen bewirkt haben. Als erstes kam meine Nachbarin mit funkelnden Augen zu mir und wir saßen gleich stundenlang zusammen, was "Lukas" bei ihr alles ausgelöst hatte. Sie fand sich an vielen Stellen wieder, obwohl sie normale Kinder hat. Oder die Erzieherin von Lukas, sie hat verstanden, worum es mit Lukas geht und dies war sehr befreiend. Es war eine Begeisterung zu spüren als hätte ich ein Ventil geöffnet. Diesen Effekt "ein Ventil öffnet sich" habe ich auch bei den Lesungen gespürt, die Menschen sind in ihr authentisches Gefühl gekommen. Das Schönste daran war, sich verstanden zu fühlen und andere zu verstehen mit ihnen im Austausch zu sein. Wir sind verbunden, ich kann anderen Mut machen, kann ihnen Orientierung geben, wir müssen nicht alles so hinnehmen, da ist noch etwas möglich. All das habe ich erfahren, es hat mich sehr berührt und tut es noch bis heute. Es gab auch Leser, die zunächst erschrocken waren über meine Offenheit und für die meine Sichtweise vollkommen ungewohnt war.




8. Ein Stück weit hat sich also erfüllt, dass die Botschaft deines Buches Menschen erreicht und ihnen Mut macht. Wünscht du dir hier etwas, das sich noch verstärken darf?

Ich wünsche mir, dass noch mehr Eltern mit besonderen Kindern dieses Buch lesen und seine Botschaft für sich entdecken. Viele Eltern mit normalen Kindern haben ja durch "Lukas" für sich etwas mitgenommen, das darf sich noch verstärken. Die Themen sind keine anderen, bei mir sind sie nur intensiver. Zudem wünsche ich mir mehr Ärzte und Therapeuten, die auf mein Buch hinweisen - als Brücke für die Eltern, die noch nicht den Mut gefunden haben hinzuschauen und sich einer neuen Orientierung zu stellen.




9. Was ist dein Fazit? Inwieweit hat sich deine Vision erfüllt, die du mit "Lukas" verbindest?

Es wäre sehr schön, wenn sich der Austausch zu diesem Thema intensiviert. Dahinter steht meine Hoffnung, dass mehr Eltern Heilung für möglich halten. Dass sie sich nicht mit der Auffälligkeit oder einer Behinderung abfinden. Ich glaube immer an die Vision der vollkommenen Heilung, dass sie jederzeit möglich ist und dieser Glaube im Alltag gelebt wird mit unserer gesamten Gedankenkraft. In diesem Zusammenhang sollten wir nicht auf Aussagen setzen, die sich auf Statistiken beziehen oder schulmedizinisches Wissen. Wenn wir unser Eingebundensein in das größere Ganze erkennen können, gibt es immer die Perspektive der Heilung.




10. Wie geht es für dich persönlich und Lukas weiter?

Zum einen befinden wir uns noch in dem beschriebenen Prozess, vielleicht dauert er auch ein Leben lang. Im Moment arbeiten wir weiterhin daran "Wo kann ich ihn loslassen? Wo blockiere ich ihn noch?

Bei uns in München kenne ich zumindest einen Arzt, der sich mit dem Thema Bindungsstörung beschäftigt. Hier würde ich mich gerne mehr einbringen. Evtl. kann es auch Austauschtreffen zu dem Thema geben. Wer hieran interessiert ist, mag sich gerne mit mir in Verbindung setzen. Und vielleicht werden ja auf diese Weise deutschlandweit regelmäßige Austauschtreffen initiiert. Es würde mich sehr freuen.

Mögen wir alle - Eltern wie Kinder - auf diesem Weg unser volles Potential entdecken und dauerhaft leben.


Danke für dieses schöne und aufschlussreiche Interview.

 

 

 

 

 

 

home