| |
Liebe
Miren,
ich
bin beeindruckt, wie Sie durch die existenzielle Krise zwischen
sich und Ihrem Sohn gelernt haben, Gedanken und Gefühlen nachzugehen,
unter Ausschluss der Kontrolle des Verstandes, nur dem ahnungslosem
Hingeben mit dem Preis sich weiter als nackt zu entblößen,
so ehrlich, so transparent und nicht zu dem Ergebnis, Scham empfinden
zu müssen, sondern zu dem Ergebnis:
- durchlässig zu werden für die Wahrheit, wie von einer
höheren Gewalt aufklärend,
- sich zu verstehen gebend,
- Ihre innere Einstellung wandelnd (Veredelung), Selbsterziehend
gewachsen.
Es
wird wohl noch ein langer Weg sein (Vielleicht hängt er auch
nicht nur von Ihnen ab, sondern auch von anderen Familienmitgliedern,
vielleicht von Generationen?), bis sich alle Knoten des Lebens gelöst
haben. Aber ich will Ihnen auch nicht den Mut nehmen, einen Bruchteil
zu einem großen Ganzen zu schaffen. Schließlich haben
Sie eine Motivation, einen Zwang auferlegt bekommen, nämlich,
das Zusammenleben erträglicher zu machen, die Liebe zu finden,
die vielleicht nicht nur durch die Trennung in den ersten Lebenstagen
von Lukas gelähmt wurde.
Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle Familienmitglieder gleich
empfinden, oder Sachverhalte besser hinnehmen können, weil
sie nicht unter so existenziellem Druck stehen wie Sie. Vielleicht
haben die Familienmitglieder auch nur einen anderen Blickwinkel
und damit Ihre Wahrheit zur objektiven Wahrheit.
Ich
wünsche Ihnen nichts sehnlicher, als dass die absolute Wahrheit
ans Licht kommt, dass mögliche Stimmungsschwankungen Marcel
nicht so verunsichern, dass er den Rücken kehrt, sicherlich
eine weitaus schwerere Probe an Sie Beide, als üblicherweise
an Paare, dass Sie sich der Gefühle eines Tages erwehren können
und den Schuldigen nach ihrer Konfrontation mit der Wahrheit vergeben
können, sie mit ihrem schweren Gepäck durch ihr Leben
wandern lassen können.
Ich
glaube Sie haben einen entscheidenden Anfang gemacht und sind auf
dem Weg. Jeder Weg ist nur bestreitbar, indem man losgeht. Es kam
sehr gut zum Ausdruck, dass Sie anfangs immer "Hilfe"
für Lukas gesucht haben und erst, als Sie egoistisch genug
waren, sich Hilfe zu holen... Das war ja alles andere als egoistisch,
sondern Schwerstarbeit... unter erschwerten Bedingungen. Ich gerate
wohl leicht dahin, klug daher zu reden und doch nicht alles zu wissen
und zu verstehen. Man muss es wohl durchlebt haben, um es in allen
Facetten verstehen zu können. So geschieht es wohl auch, dass
man versucht zu verallgemeinern und Schlussfolgerungen zu ziehen,
die nur erahnt werden können... dadurch diese manchmal täglich
wieder über den Haufen werfen und neue erstellen "muss"
(Muster würden doch wenigstens ein Maß an Verlässlichkeit
erhoffen).
Ist
es nicht auch das, was den Partner abschrecken kann? Sie lernt so
klug daher reden..., ein Labyrinth in dem man sich doch nur verrennen
kann, ein Fass ohne Boden. Eine Arbeit bis ans Lebensende, und dabei
muss ich doch täglich arbeiten gehen und da und nicht in Gedanken
sein. Ihm bleibt weitaus weniger Zeit an sich zu arbeiten und dennoch
begibt er sich mit auf den Weg...
Alle
Achtung an Sie Beide. Ich glaube nicht, dass die Liebe am Ende ist,
eher, dass die Belastung sie nicht erstrahlen lässt: Ich kann
nur lieben, was ich kenne. Ich kann nur gut zu Anderen sein, wenn
es mir gut geht.
Liebe
Miren, lieber Marcel, ich bin überzeugt, dass Ihr die liebsten
und besten Eltern für Lukas seid, die es geben kann. Ich sehe
einfach, wie glücklich und zufrieden, wie rund und zart und
weich Lukas sich nach den Ferien, ja sogar nach einem Wochenende,
oder einem freien Tag anfühlt. Ich habe höchste Achtung
vor Ihrem Schicksal und vor Ihrer Beiden eigenen Art und Weise,
es für sich und Lukas zu handeln und wünsche Ihnen, dass
sich Ihre Ehe mit dem Ausdünnen der Wolken am Himmel wieder
erwärmt und erstrahlt.
Die
Leseprobe konnte ich gut nachvollziehen, bis zu Tränen, aber
auch bis zum hellen Auflachen, so wunderbar ehrlich. Der Text enthält
viele Facetten, die Verbindungen zum eigenen Leben machen können,
nicht nur für Denjenigen, der schon einmal eine existenzielle
Krise im Leben durchgemacht hat, sondern auch für Menschen,
da sich in der Familie jemand abwendet (Ein schwarzes Schaf gibt
es in jeder Familie), ihn besser verstehen wollen, die Tür
trotz der "Aufs" und "Abs" in seinen Gefühlen
offen zu lassen. Auch das ist keine leichte Aufgabe, denn wer kennt
nicht die zutiefst verletzenden Worte von nicht in sich ruhenden
Menschen und auf der anderen Seite ihre zutiefst empfindsamen Antennen,
die schärfstes Geschütz auffahren um die wunde Seele zu
verteidigen, wenn sich nur ein Angriff erahnen lässt. Wie ist
es eigentlich mit den unfreundlichen Menschen, die es auf der Straße,
im Amt... gibt? Sind es vielleicht alles verletzte Seelen?
Ich
wünsche Ihnen Allen den Mut, immer und immer wieder die Begegnung
von Mensch zu Mensch zu wagen und sich nicht zu isolieren.
Gerne
werde ich Ihr Buch erwerben. Mit lieben Grüßen,
Ines
|
|